„Es geht nicht um den Einzelnen“

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Der Dieburger Profi-Torwart und U21-Europameister Marvin Schwäbe erhält Ehrung seines Ex-Vereins SC Hassia / Mit Dynamo Dresden demnächst zu Gast beim SV 98

(jd) Als 2006 die Fußball-WM in Deutschland stattfand, war Marvin Schwäbe elf Jahre jung und gerade Kinder-Fastnachtsprinz in seiner Heimatstadt Dieburg geworden. Vor wenigen Wochen, inzwischen 22-jährig und auf 1,90 Meter hochgeschossen, vertrat der Torwart selbst die Farben Schwarz-Rot-Gold bei einem viel beachteten Turnier: Mit der U21-Nationalelf wurde der Stammkeeper von Zweitligist Dynamo Dresden Europameister. Vergangenen Sonntag, möglich geworden durch die Länderspiel-Pause in den Bundesligen, kehrte Schwäbe mal wieder nach Dieburg zurück. Sein einstiger Verein, der SC Hassia, bereitete ihm im Rahmen seines Gruppenliga-Heimspiels gegen den FC Fürth vor 150 Zuschauern einen herzlichen Empfang.

Eins vorweg: Die Ehrung für Schwäbe entbehrte keineswegs der sportlichen Grundlage - auch wenn der Schlussmann bei der U21-Endrunde in Polen keinen Einsatz erhielt und dem damaligen Kaiserslautern-Torwart Julian Pollersbeck (inzwischen zum Hamburger SV gewechselt) den Vortritt lassen musste. In der EM-Qualifikation nämlich trug Schwäbe auf dem Platz dazu bei, dass die U21 von Trainer Stefan Kuntz es überhaupt in die Endrunde schaffte. Im September 2016 hielt Schwäbe seinen Kasten beim 1:0-Sieg in Finnland sauber. Im Oktober lief es beim 4:3-Sieg gegen Russland für die Mannschaft ebenfalls gut, gleichwohl für ihn als Torwart wegen dreier Gegentore weniger befriedigend.

Doch genau jene Mannschaft stehe über allem, auch über seinen persönlichen Bedürfnissen, erzählte Schwäbe am Sonntag auf dem Hassia-Gelände: „Natürlich war es ein Schlag, dass ich bei der EM nicht die Nummer eins war - ich hatte ja vorher gespielt und mir schon was ausgerechnet“, gab er zu. „Aber wir haben den Titel ja als Mannschaft geholt, da geht es nicht um den Einzelnen.“ Auch die etwas überraschende Entscheidung von Nationaltrainer Kuntz pro Pollersbeck stellte Schwäbe nicht in Frage. Kritischer äußerte sich diesbezüglich am Sonntag schon Ralf Schwäbe, einstiger Spielertrainer des SV DJK Viktoria Dieburg und der Vater nicht nur von Marvin Schwäbe, sondern auch Ringer Kevin Schwäbe, der mal Deutscher Meister im Freistil-Halbschwergewicht war. Pollersbeck habe bei Kuntz wohl einen Bonus wegen dessen Vergangenheit beim 1. FC Kaiserslautern gehabt, meinte Ralf Schwäbe.

Sein - jüngerer - Sohn genoss am Sonntag erst einmal die Wertschätzung, die ihm seine Geburts- und Heimatstadt bereitete. „Wir sind in Dieburg sehr stolz auf dich“, sagte Hassia-Vorsitzender Detlev Struckmeier. Der Sportclub kassierte vor einiger Zeit auch schon mehrere tausend Euro Ausbildungsvergütung, als Schwäbe seine ersten U-Länderspiele absolviert hatte. Dieburgs Bürgermeister Frank Haus, selbst unter anderem Anhänger des SV Darmstadt 98 und des FSV Mainz 05, stellte heraus, der Titel sei „etwas ganz Besonderes. Als die U21 im Jahr 2009 letztmals Europameister geworden war, waren Spieler wie Manuel Neuer, Mats Hummels und Jerôme Boateng dabei.“ Auch Günter Hüttig, Vorsitzender des Karnevalvereins Dieburg als größtem seiner Art in ganz Deutschland, gratulierte dem Kinderprinzen von einst.

Im Anschluss holten sich einige Kinder Autogramme und Fotos des Europameisters, der seinem früheren Verein unter anderem ein signiertes Trikot und Torwart-Handschuhe mitgebracht hatte. Zudem traf er auf Jörg Laumann, seinen ersten Fußball-Trainer. Er schulte Schwäbe (wie später auch Jugendcoach Andreas Nonn) bei den F-Junioren der Hassia, wo Schwäbe bis zu den D-Junioren blieb. Weitere Jugendvereine waren Kickers Offenbach (bis 2009) und Eintracht Frankfurt (bis 2013), ehe ihn Erstligist TSG Hoffenheim unter Vertrag nahm. Die TSG verlieh ihn zunächst zu Drittligist VfL Osnabrück aus, in der Vorsaison dann zu Zweitligist Dynamo Dresden. Bei beiden Vereinen wurde Schwäbe Stammkeeper, wurde nach der Saison in Dresden von den dortigen Fans sogar zum „Spieler der Saison“ gewählt.

Im Sommer verlängerte Hoffenheim den Vertrag mit dem Profi aus Dieburg, konnte ihn so erneut nach Dresden ausleihen. „Ich bin Hoffenheim dankbar, dass sie das möglich gemacht haben“, so Schwäbe, der vor einiger Zeit auch mit dem SV Darmstadt 98 in Kontakt gestanden hatte („Das hat leider nicht geklappt, kann aber noch werden - ich bin ja noch jung“). Nun peile er mit Dynamo an, rasch vom derzeitigen Platz im Tabellenkeller der 2. Bundesliga wegzukommen. „Dazu haben wir in der Länderspiel-Pause viel an der Defensive gearbeitet.“ Dresden hat mit neun Treffern in vier Spielen die bisher meisten im Unterhaus gefangen.

Bald, am 24. September, tritt er mit Dynamo auch am Darmstädter Böllenfalltor an. „30, 40 Kartenwünsche“ habe er aus Familie und Bekanntenkreis bereits erhalten, lächelte Schwäbe, der am Sonntag auffallend höflich und freundlich auch alle Sonderwünsche der jungen und einiger älterer Fans erfüllte. Beim SV 98 sind sie auf das Aufeinandertreffen auch deshalb gespannt, weil aus Dresden die bekannt emotionalen und manchmal über die Stränge schlagenden Fans mitkommen werden. „Man wird nirgendwo nur positive oder nur negative Fans antreffen“, meinte Schwäbe dazu. Generell sei es schön und ein Vorteil, mit einem solch großen Anhang im Rücken anzutreten. Daheim hat Dynamo pro Heimspiel fast 30 000 Zuschauer, fast doppelt so viele wie Darmstadt.

Darüber hinaus sei Dresden, wo Marvin Schwäbe zusammen mit seiner Freundin Michelle wohnt, „eine wunderschöne Stadt“. Ein- bis zweimal pro Monat versuche er trotzdem, nach Dieburg zu fahren: „Meine Familie geht über alles.“ Wenn er zurück ist, genießt er die gemeinsame Zeit mit ihr, spaziert in der Nähe des Hauses seiner Eltern durch den Dieburger Forst - und schaut ab und an auch noch einmal zu, was sein Bruder Kevin gerade auf der Ringermatte macht.

 

 Jens Dörr, September 2017

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